Varry

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Mit normalen Märchen hatte Varry als Kind wenig am Hut. Geschichten von Freibeutern wollte Varry im zarten Alter von sechs Jahren von seiner Mutter erzählt bekommen. Vielleicht stand auch die Geschichte von Klaus Störtebeker Pate. Eine Art Robin Hood der Weltmeere, der noch nach seiner Hinrichtung mittels eines Hackebeils kopflos an seinen Kameraden vorbeirannte, um dieselben vor dem gleichen Schicksal zu bewahren. So stand Varrys Berufswunsch schon in jungen Jahren fest: «Ich werde Pirat». Und da Piraten erfahrungsgemäss immer tätowiert sind, wollte Varry natürlich auch ein Tattoo haben. Recht abenteurerlich ging es weiter. Der Sechsjährige hatte Glück und konnte seine Nachmittage bei dem Tätowierer einer Motorradgang verbringen, der noch mit Nadeln und Tusche seinen Brothers die Haut inkte.

Auf diesem Wege in die Feinheiten des Tätowierens eingeführt, trat er in die Öffentlichkeit und machte Werbung bei Schulkameraden und Freunden: «Ich weiss jetzt, wie man tätowiert!» und die Haut der Schulkameraden wurde ab diesem Zeitpunkt mit Strichen und Kreuzen dekoriert, bis deren Eltern bei seiner Mutter auf der Matte standen. So wurde diese vielversprechende Erfolgstory eines kleinen Schuljungen vorerst jäh unterbrochen. Aber aus den Augen verloren hat Varry das Tätowieren nie. Seine künstlerische Ader lebte er auf harmlosen Flächen aus, wobei Varry heute betont, dass er zu diesem Zeitpunkt Tattoos nicht als Kunst ansah. Es waren für ihn «Zeichen» im wahrsten Sinne des Wortes, die den Träger aus der Masse heraushoben und zu etwas Besonderem machten.

Die Entwicklung in Sachen Tattoo-Ausrüstung ging auch an Varry nicht spurlos vorbei, und er begann sich seine eigenen Machinen aus Elektromotoren oder Rasierapparaten zu bauen. Seine erste professionelle Ausrüstung erstand er mit 20 Jahren.

Ein wichtiges Erlebnis in seiner Geschichte war das erste Giger-Buch, dass er als Teenager geschenkt bekam. Totenköpfe, Knochen und Schleim waren auch in Varrys Bildern die vorherrschenden Motive. Das was er aber in den Arbeiten von Giger sah, sprengte seinen bisherigen Erfahrungshorizont. Etwas vollkommen Neues kam in sein Leben - etwas wonach er immer gesucht hatte und was seiner Vorstellung von Dunklem und Mystischen künstlerisch am nächsten kam. Es war wie eine Explosion, die in seinem Kopf die Blockade sprengte und Varry erkannte, dass er mit diesem «neuen» Stil seine eigene düstere Phantasie am besten zum Ausdruck bringen konnte. Auch erweiterte er seine Technik. Neben Oel, Tusche oder Kugelschreiber begann er 1985 mit dem Airbrush zu experimentieren. «Ich bin ziemlich faul, und damals arbeitete Giger noch nicht mit Schablonen. Diese «freie» Arbeitsweise kam und kommt mir sehr entgegen. Auch heute noch setze ich Schablonen höchstens für Hintergrundstrukturen ein».

Tiefe erreicht er über die Schattierungen; die einzelnen Objekte sind nicht scharf voneinander abgegrenzt. Einfach macht er es dem Betrachter nicht, die Airbrush-Bilder mit ihren verschiedenen Ebenen und den vielen Details auf den ersten Blick zu erfassen. Am besten lässt man die Horrorszenarien bei einer Selbstgedrehten mit viel Zeit auf sich wirken.

Den Schweizer Künstler Giger lernte er 1991 persönlich kennen, aber schon vorher hatte er Kontakt mit ihm. Varry schickte Giger immer wieder «Proben» seiner Arbeit, um sich zu vergewissern, dass der Erfinder des biomechanischen Stils keine Einwände gegen seine Umsetzung hat. Giger liess sich auf Varrys Arbeiten ein und es fiel ihm eine Art «Lehrfunktion» zu: Er lobte und kritisierte. Varrys grosses Vorbild wurde zum Mentor - ein glücklicher Umstand in seiner künstlerischen Entwicklung.

Wann Varry das erste Mal ein Tattoo im biomechanischen Stil sah, weiss er nicht mehr genau. Es war wahrscheinlich eine Arbeit von Andy Gally aus Basel, und bis zu diesem Zeitpunkt hatte es Varry nicht für möglich gehalten, dass die Umsetzung dieses Stil für Tätowierungen durchführbar ist. Das wollte er auch können, und da ihm viele Gesetzmässigkeiten wie z.B. die Licht- / Schatten- Wirkung vom Airbrush bekannt war, arbeitete er sich recht schnell in das neue Metier ein. Varry zählt heute zu den besten Tätowierern, die in dieser Stilrichtung arbeiten. In der Schweiz hat er sich bereits einen so guten Namen gemacht, dass viele seiner Kunden nur mit einer groben Idee zu ihm kommen und ihm die Freiheit der Umsetzung lassen. «Zu Paul Booth kommt auch niemand und lässt sich ein Röschen stechen. Um das Image von Tätowierungen zu stärken, sollten sich die Künstler mehr auf eine Richtung spezialisieren. Jimmy aus Albbruck ist bekannt für Indianermotive, Darren Stares für Portraits und ich mache Biomechanik-Arbeiten», erklärt er. «Es erfordert eben eine Menge Erfahrung und Auseinandersetzung mit einer Stilrichtung, wenn man sie wirklich gut machen will.»

Ähnlich wie er bei der Arbeit mit dem Airbrush Schablonen ablehnt, sticht er auch Tattoos am liebsten Freihand. Für ihn ist es wichtig, dass ein Tattoo mit Verstand, Gefühl und viel Nachdenken aufgebaut ist. «Einige meiner Kunden mussten erst in ihr Tattoo «Reinwachsen». Sie gehen mit einer Arbeit von mir nach Hause und bauen erst nach und nach die Beziehung zu ihrer Tätowierung auf. Ein Prozess, den ich öfter schon beobachtet habe. Der Kunde kommt mit einer Idee in mein Studio, die entweder spontan entstanden oder von einem wichtigen persönlichen «Ereignis» geprägt ist. Ein Jahr später hat diese persönliche Phase keinerlei Bedeutung mehr für die Leute, dass Tattoo ist aber noch da. Ich sehe auch meine Aufgabe darin, den Kunden etwas zu geben, das die momentane Stimmungslage überdauert. Ich habe kein Interesse daran, einen weiteren Aufkleber auf den menschlichen Reisekoffer Haut zu inken. Erinnerungen sind im Kopf verankert, auf der Haut sollte ein Werk enstehen, dass darüber hinaus geht.» Neben den Arbeiten von Andy Gally («Der schwingt 'ne heisse Nadel»), die Varry in der Exaktheit ihrer Ausführung wie auch im Aufbau und den Proportionen auf dem Körper beeindrucken, sind es vor allem die Arbeiten von Paul Booth, die ihn faszinieren. «Der macht zwar keine biomechanischen Sachen, aber ansonsten stimmt für mich bei diesem Ausnahmekünstler alles: Gute Schattierungen, die Plazierung auf dem Körper und natürlich die makabere und düstere Stimmung der Tattoos mit ihren teilweise blasphemischen Charakter.»

Und noch ein weiterer Name spielt für Varrys künstlerische Entwicklung eine Rolle. Mit dem Engländer Steve A. verbindet ihn nicht nur der Beruf, sondern die beiden schaffen sich noch den Freiraum, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln. Bei Projekten wie Zeichnen von Comics, Airbrushbildern und Tuschezeichnungen verbringen sie viel Zeit miteinander. «Wenn Steve A. bei mir in Sissach ist, arbeiten wir hier in einer Art Konkurrenz. Es ist kreative Herausforderung für uns beide, jeder will den anderen Übertrumpfen. Am Ende kommen dann wirklich gute und verrückte Sachen raus. «Was ich nur bestätigen kann. Der Comik Mr. und Miss. Saunders-The last Journey , den die beiden gezeichnet haben, ist leider nur in einer limitierten Auflage von 10 Stück erschienen. Der schwarze Humor der beiden lässt das in die Jahre gekommene Ehepaar Saunders dank einer Pille das letzte mal miteinander die Freuden der sexueller Ausschweifungen geniessen. Ihr gemeinsammer Höhepunkt endet in einem selbst gewählten «blow-out» des Gehirns mittels zweier Pistolen. Dazwischen erleben die beiden jedoch die für sie erregensten Stunden der letzten 20 Jahre. Nichts für sanfte Gemüter, aber von der Idee und den Zeichnungen einer der skurrilsten Comics, die ich gesehen habe.

Oft findet man Varry nicht in der Öffentlichkeit. Einen grossen Auftritt hatten Varry und Steve A. auf dem Balsthaler Tattoo Meeting '94. Ein Gesamt-Kunstwerk wollten die beiden schaffen, und dass nicht nur in Form eines aussergewöhnlichen Tattoos. «Für mich stellen Tattoo Conventions eine Show dar und der unterschied zwischen einer Uhrmacher- fachmesse und einer Tattoo-Convention sollte den Besucher schon beim Eintritt in die Halle klar sein.» Ein schwarzes Zelt mit goldenen Pentagrammen und einer Guillotine wurde aufgebaut und das ganze in rot und blau beleuchtet. Dies stellte die Dekoration für eine Aktion dar, die sich Steve A., Varry und Stuck im Vorfeld ausgedacht hatten. Auf Stucks Körper sollte ein Tattoo entstehen, wobei im Vorfeld legidlich die Stelle auf dem Körper festgelegt wurde: von den Oberschenkeln ausgehend sollte sich das Tattoo in der Nierengegend treffen. Zusammen arbeiteten sie in drei Tagen über 17 Stunden auf Stucks Haut. Der Showeffekt war natürlich enorm und die Fotografen und die Besucher scharten sich um diese Attraktion. Das gleichzeitige Arbeiten an einer Person gestaltete sich schwieriger als gedacht. «Wir mussten höllisch aufpassen und Steve A. und ich mussten erst unseren gemeinsamen Rhythmus finden. Jede Wischbewegung über das Tattoo veränderte für den anderen die Lage von Stucks Haut. Es war, als wenn man auf einem rohen Ei arbeitet.» Im letzten Jahr war Varry lediglich auf der Erotika zu finden, wo er seine Skulpturen und Airbrush-Arbeiten vorstellte.

Schmuckdesign ist für Varry ein neues Metier und eine neue Herausforderung. Viel will er hier noch nicht über seine Schmuckstücke verraten, aber der von ihm entworfene Anhänger sieht einfach abgefahren aus!

Bericht: Tätowier-Magazin vom Mai/April 1996 Text: Heide Heim
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